Flexible Inhalte – neuer Trend im Publishing?
Posted: März 8th, 2010 | Author: Schuermanns | Filed under: Trends und Konzepte | 2 Comments »Bücher waren lange Zeit ein Inbegriff für Beständigkeit: Einmal geschrieben überdauern sie Jahrzente und Jahrhunderte in immer gleicher Form. So bedeutsam diese Beständigkeit für die Überlieferung von Wissen ist, so wenig passt das Konzept in unsere dynamische und flexible Wissensgesellschaft. Denn Inhalte sind nicht universell gültig und in jeder Situation gleich bedeutsam. Es überrascht daher wenig, dass mit den technischen Möglichkeiten auch die Starrheit im Publishing langsam aufzubrechen beginnt. “Personalisierung”, “content-on-demand”, “publish on the fly” oder “fluid publishing” sind Stichworte, die mit Modellen wie Gesetzbuch24, den peronalisierten Reiseführern von Inzumi oder den individualisierten Schulbüchern von Flatworldknowledge und DynamicBooks langsam Einzug in das Verlagswesen erhalten. Und auch einige Selfpublishing-Plattformen nehmen an dieser Entwicklung teil und setzen auf flexible Inhalte. Vorreiter sind FastPencil und vor allem Bookriff.
Gesetzbuch24
Während sich der Trend zur Personalisierung eher bei Geschenkbüchern abspielt (wo z.B. die Namen der Roman-Helden personalisiert werden), geht das Portal Gesetzbuch24 vom Boorberg-Verlag einen Schritt weiter: Dort kann man sich komplette Gesetzessammlungen selbst zusammenstellen und als Print-On-Demand-Version bestellen. Die Gesetze werden nach Rechtsgebieten, Lebenslagen oder Berufsgruppen aufgelistet, sodass auch der Laie recht schnell seine Sammlung zusammengestellt hat. Die Preise sind in Ordnung, ca. 15,- Euro für 170 Seiten Gesetzestext sind in diesem Bereich fair. Zusätzlich bietet das Portal noch einen Aktualitätendienst, der die Käufer über Änderungen der betreffenden Gesetze informiert:

Das Modell ist nicht nur für Juristen oder interessierte Laien spannend, sondern auch für Branchen wie z.B. niedergelassene Ärzte, die zur Auslage bestimmter Gesetze in ihren Praxen verpflichtet sind. Es wundert einen angesichts der hohen Summen, die die Verlage in die Digitalisierung ihrer Datenbestände gesteckt haben, dass man bislang nur selten auf derartige Modelle stößt.
Inzumi
Spannend ist auch das Modell des Frankfurter Startups Inzumi. Über Izumi können sich Traveller aus verschiedenen Bausteinen einen personalisierten Reiseführer zusammenklicken und anschließend entweder kostenlos selbst ausdrucken, oder per Print-on-Demand-Verfahren als gebundenes Buch bestellen. Ein Reiseführer mit 100 Seiten kostet ca. 15,- Euro. Die Inhalte werden von verschiedenen Content-Partnern wie Polyglott, Langenscheidt, Hotel.de oder Travelscout gelierfert. Zumindest in der Vorschau macht die Qualität einen guten Eindruck:

Das Startup wird inzwischen von Enrico Just betreut, der zuvor u.a. in der Geschäftsführung/Vorstand der Milchstraße und Tomorrow-Focus AG saß und sowohl das Verlagsgeschäft, als auch die Startup-Welt sehr gut kennen dürfte. Man darf also gespannt sein, wie sich Inzumi weiterentwickeln wird.
Vielleicht als Anmerkung zum Konzept: Bei der Personalisierung des Reiseführers steht man bei Inzumi noch vor der Schwierigkeit, dass man weder Restaurants, noch Hotels oder passende Shopping-Gelegenheiten vor Reiseantritt kennt und mit der Auswahl etwas überfordert sein könnte. Zudem bleibt die Frage, wie aktuell die Inhalte von den Content-Partnern sind, denn die schnell veralteten Informationen sind – neben der nicht interessengerechten Aufbereitung – das Hauptproblem klassischer Reiseführer. Eine mögliche Antwort auf diese Fragen hatte bereits vor Jahren die Web/Print-Unternehmung “InYourPocket” geliefert: Bei InYourPocket geben lokal ansässige Expats vor Ort monatlich aktualisierte und werbefinanzierte City-Heftchen heraus, deren Informationen meist sehr viel lebendiger und näher dran sind. Gleichzeitig bietet die Online-Präsenz der Hefte eine weitere Werbe- und Vermarktungsmöglichkeit. Es könnte ein spannender Ansatz sein, die Konzepte von Inzumi und InYourPocket zu verbinden, also aktuelle Inhalte und Tipps von lokalen Insidern zu liefern und diese Inhalte vom Leser z.B. über Themenblöcke wie Shopping, Design, Kultur, Familie, Business etc. personalisieren zu lassen. So würde auch die Selfpublisher- oder User-Generated-Content-Perspektive (lokale Autoren z.B. über ein Blogverbund) zum Tragen kommen. Das Modell in Formen und Farben:
Doch nicht nur klassische Verlagsmodelle spielen inzwischen mit derartigen Ansätzen, sondern auch einige Selfpublishing-Plattformen spielen mit der Flexibilisierung von Inhalten:
Fastpencil
Die bereits vorgestellte Publishing-Plattform Fastpencil wartet mit einem kleinen Feature auf, das technisch zwar nicht spektakulär, vom Ansatz jedoch erwähnenswert ist: Autoren können Open-Source-Bücher – also Bücher, bei denen Verwertungs- und Urheberrechte abgelaufen sind – in den Editor laden, umschreiben und neu publizieren. Wer sich immer mal an Klassikern von Bram Stoker, Fjodor Dostojewsky oder Charles Dickens vergreifen wollte, hat bei Fastpencil also die Gelegenheit dazu:

Zugegeben, bei Fastpencil dürft das Umschreiben von Klassikern eher ein netter Gimmik sein. Es gibt jedoch einen (mehr oder weniger) klassischen Verlag, der ein überaus sinnvolles Einsatzgebiet für dieses Konzept gefunden hat…
Flatworld Knowledge und DynamicBooks
“Flatworld Knowledge” ist ein junger Verlag aus den USA, der neue Wege im Schulbuch-Bereich einschlägt. Wie Boorberg (Gesetzbuch24) ist auch Flatworld KEIN Selfpublisher-Verlag, sondern verfolgt in Sachen Manuskriptauswahl und Qualitätssicherung das traditionelle Konzept. Neu an dem Verlagsmodell ist jedoch, dass die einmal publizierten Texte von den Nutzern – ähnlich wie bei Gesetzbuch24 – individuell zusammengestellt und – ähnlich wie bei Fastpencil – adaptiert und umgeschrieben werden können.
Das Konzept von FlatworldKnowledge wird inzwischen auch von etablierten Verlagen kopiert: So hat Macmillan vor kurzem das Portal DynamicBooks gelaunched, dass die Bezeichnung copycat wahrlich verdient:
Bei Flatworldknowledge werden die Bücher unter open-licence gestellt, sind online frei lesbar und können als Print-Version erstanden werden. Der ursprüngliche Text bleibt immer als Originalversion erhalten. Will ein Leser den Text anpassen, so wird eine Kopie erstellt, die frei bearbeitet werden kann. Das ganze nennt Flatworld “remixable textbooks” – ein Konzept, das auch eine Selfpublishing-Plattform aus England verfolgt….
Bookriff
Das junge Startup Bookriff befindet sich leider noch (seit geraumer Zeit) in der geschlossenen Beta-Version, d.h. ein Zugang ist erst nach einer Einladung möglich. Bookriff verfolgt ein ähnliches Modell wie Flatworld, beschränkt sich allerdings nicht auf den Schulbuch-Bereich.
Textschnipsel oder auch ganze Kapitel werden als “Riffs” bezeichnet, die von den Autoren zur Verfügung gestellt werden. Sogenannte “Composer” können diese “Riffs” zu einem neuen Buch “mixen”. Der Preis eines neu gemixten Buches hängt von den Herstellungskosten (Seitenumfang) und den Einzelpreisen der enthaltenen Riffs ab. Die Urheber eines Riffs erhalten bei Verkauf ein Honorar, nicht jedoch die “Composer”.
Im Vergleich zu dem sehr anwendungsnahen Fall von Flatworld wirkt Bookriff recht verspielt. Ob Leser und “Composer” mit der neu gewonnenen Freiheit etwas anzufangen wissen, bleibt abzuwarten. Als Konzept, Texte aus ihrem statischen Korsett zu befreien, ist Bookriff jedoch ausgesprochen spannend. Und für Selfpublisher, die nur einzelne Textschnipsel oder Kapitel veröffentlichen wollen, eröffnet sich hier eine neue und interessante Alternative.
Dieser Artikel wurde am 08.März 2010 von Schuermanns geschrieben.
Sebastian Schürmanns ist Initiator des Do-It-Yourself-Guides for Publishers. Er war über acht Jahre als Produktmanager, Berater und Texter für Verlage und Agenturen tätig. Seit Anfang 2010 arbeitet er in einer Internet-Agentur und hält mit dem DIYG seine Liebe zum Publishing-Business warm.







Das Thema “Personalisierung” und “Individualisierung” findet ja seit geraumer Zeit in den verschiedensten Bereichen Gehör. Von MyMuesli bis hin zu SpreadShirt und sogar Geschenkpapier kann man Produkte selbst konfigurieren und sich dann nach Hause liefern lassen. Dieses Thema war im Bereich der Reiseführer längst fällig, allerdings ist die Umsetzung nicht so trivial, wie es den Anschein hat. Aus diesem Grund hören auch alle anderen sogenannten “Online-Reiseführer” spätestens beim PDF auf. In der Tat ist allerdings die Aktualisierung von Reisetipps, insbesondere wenn es um eine weltweite Präsenz geht, eine Herausforderung, die ein Anbieter ohne seine User fast nicht leisten kann. Im Übrigen geht der Trend in die Richtung, dass User mehr und mehr Empfehlungen und Bewertungen aus dem Nutzerkreis größeres Vertrauen schenken als redaktionell erstellten Inhalten. Insofern ist sicher der Mix aus einer vertrauten und bekannten Marke wie Polyglott und einer ausreichenden Anzahl von Userkommentaren und Tipps ein erfolgversprechender Ansatz. Die Guides von inyourpocket haben das Aktualisierungsproblem gut gelöst. Die Frage ist allerdings, ob man mit einem rein englischsprachigen Führer die gewünschte Zielgruppe erreicht und wie man mit lokaler Werbung in einem auch haptisch hochwertigen Reiseführerbuch umgeht.
@Enrico Just: Vielen Dank für den Kommentar! Ja, trivial ist das ganz sicher nicht, das glaube ich gern. Ein wirklich hochwertigen Satz mit Bilder etc. bei variablem Inhalt ist sicher nicht einfach. Und stimmt, Englisch dürfte die Zielgruppe zumindest hierzulande reichlich dezimieren, wobei ich in Bukarest recht schnell vom deutschsprachigen Reiseführer auf InYourPocket umgestiegen bin, einfach weil die Insider-Informationen besser und aktueller waren. Ein weiteres Problem sehe ich auch noch im Marketing: mit personalisierten Inhalten kommt man natürlich nicht in den stationären Buchhandel. Trotz aller Hürden ein sehr spannender Bereich und Inzumi ein spannender Ansatz. Ich denke mal, dass Mobile und Augmented Reality für den Reisebereich auch noch massiv an Bedeutung gewinnen werden …
Es gab vor kurzem übrigens einen tollen langen Beitrag zum Thema Reisen und Bewertungsportale in der FAZ, ich weiß nicht, ob Sie den gesehen haben: http://www.faz.net/s/Rub6F18BAF415B6420887CBEE496F217FEA/Doc~E4F2CB11D19AB4B659E0B64E482072E1C~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Herzliche Grüße